Die Geschichte des Zerstörers LÜTJENS

Das bewegte Leben einer Legende

An einem Freitag im Sommer 1967, genau am 11. August 1967 begann auf der amerikanischen Werft "Bath Iron Works Corp." ein neues Kapitel in der Geschichte der Deutschen Marine. Der erste von drei georderten Lenkwaffenzerstörern wurde vom Stapel gelassen.

Benannt wurde der Zerstörer nach Admiral Günther Lütjens, dessen Schwiegertochter, Frau Gerda Lütjens, das Schiff taufte. Admiral Lütjens wurde, vor allem aufgrund seiner soldatischen Leistungen, zum Namensgeber des Zerstörers mit der Baunummer "DDG 28" ausgewählt.

Sein Name stand für die soldatischen Tugenden Verantwortungsfreude, Bescheidenheit, warmherzige Fürsorge für die anvertrauten Untergebenen, Mannesmut und Tapferkeit im Einsatz bis zur Opferung des eigenen Lebens. Er war ein Soldat mit Gewissen, das ihn angesichts der Ereignisse der Reichskristallnacht zum Protest gegenüber der militärischen Führung veranlaßte.

Geboren am 25. Mai 1889 in Wiesbaden trat Admiral Lütjens 1907 in die Kaiserliche Marine ein und war im ersten Weltkrieg Kommandant eines Torpedobootes und Führer einer Torpedoboothalbflottille. Während des zweiten Weltkrieges stieg er bis zum Befehlshaber der Flotte (1940) auf. Als Führer einer Kampfgruppe, bestehend aus dem Schlachtschiff BISMARCK und dem Schweren Kreuzer PRINZ EUGEN ging er am 27. Mai 1941 mit der BISMARCK im Atlantik unter.

"Das Schiff soll den Namen eines deutschen Seeoffiziers tragen, dessen aufrechter Charakter, dessen offenen Wesen, dessen Unerschrockenheit, dessen unbeirrbares Verantwortungsbewußtsein und dessen hingebungsvolle Pflichttreue auch kommenden Generationen der Marine als Vorbild dienen möge." (Zitat aus der Taufrede des damaligen Staatssekretärs und späteren Bundespräsidenten Professor Carstens vom 11. August 1967)

Zerstörer LÜTJENS - von der Besatzung häufig liebevoll "Lüdia" genannt - wurde am 22. März 1969, 20 Monate nach dem Stapellauf, in Boston mit der Hull-Number "D 185" in den Dienst der Deutschen Marine gestellt. Nach der Erstausbildung der Besatzung in den Gebieten um Roosevelt Roads / Puerto Rico und Guantanamo Bay / Cuba, lief das Schiff am 09. Dezember 1969 zum ersten Mal seinen Heimathafen Kiel an und machte an der Scheermole fest.

Die Geschichte- und im Besonderen die Einsätze der LÜTJENS- waren geprägt durch die politische Situation im geteilten Europa, den Kalten Krieg und durch das militärische Wettrüsten seitens des Warschauer Paktes und der NATO. Der Bau und die Indienststellung der Lenkwaffenzerstörer der Klasse 103 waren direkte Auswirkungen der politischen Situation der sechziger Jahre.

Herausragende Ereignisse der ersten Jahre im Dienst Deutschlands waren immer wieder die multinationalen Manöver mit Einheiten der NATO-Staaten und die Fahrten in die Karibik zum Flugkörperschießen. In dieser Phase übernahm das Saarland, vertreten durch seinen Ministerpräsidenten Herrn Dr. Röder, am 09. September 1971 die Patenschaft für den stolzen Zerstörer. Die Pflege der Patenschaft gestaltete, neben den offiziellen Stellen, die Marinekameradschaft Dudweiler / Saarbrücken bis zur Außerdienststellung. Im Laufe der Jahre entstanden viele persönliche Bindungen zwischen der Besatzung und dem Patenland.

Besonders hervorzuheben ist die Betreuung des Theresienheimes in Saarbrücken. Dieses Heim für körperlich und geistig behinderte Kinder wurde immer wieder mit Geld- und Sachspenden, die durch mannigfaltige Aktionen der gesamten Besatzung aufgebracht wurden, unterstützt.

Im Jahr 1976 begann für die LÜTJENS die Umrüstung zum Zerstörer der Klasse 103 A, die im August 1977 beendet wurde. Die damit verbundene Kampfwertsteigerung machte das Schiff in den folgenden Jahren zu einem  wertvollen Partner anderer NATO-Marinen weltweit.

Die folgenden Jahre führten den Zerstörer LÜTJENS in viele Häfen der Welt. Einer der Höhepunkt war die AAG 107/80: Gemeinsam mit dem Zerstörer HESSEN und den Troßschiffen COBURG und SPESSART legte die LÜTJENS in Richtung Indischen Ozean ab. Die Fahrt führte zunächst über Brest nach Toulon, wo ein Flugkörperschießen durchgeführt wurde. Nach einem Aufenthalt in Port Said fuhr die LÜTJENS erstmals durch den Suezkanal. Nach einem Bunkerstop in Djibuti nahm das Schiff Kurs auf Karatchi in Pakistan. Weitere Häfen waren Bombay / Indien und Colombo / Sri Lanka. Die Rückreise führte über Mombasa / Kenia wieder durch den Suezkanal zurück ins Mittelmeer und danach mit Zwischenaufenthalt in Cadiz / Spanien zurück nach Kiel.

In die selbe Ära fiel die erste Teilnahme der LÜTJENS an der STANAVFORLANT. Ein halbes Jahr war das Schiff im Jahr 1984 Teil dieses NATO-Verbandes.

Von April 1985 bis Dezember 1986 wurde der Zerstörer LÜTJENS erneut umgerüstet. Es erfolgte eine umfassende Modernisierung der Sensoren und Effektoren. Infolge der Arbeiten entstand die Klasse 103 B.

Die folgenden Jahre erlebten Schiff und Besatzung wieder auf See und in ausländischen Häfen. Die Wiedervereinigung im Jahr 1990 und der sich daran anschließende Umbruch im Verhältnis zu den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes, prägten diese Zeit ebenso wie der Golf-Krieg und die Teilung Jugoslawiens mit all ihren Folgen. Im Dezember 1993 lief der Zerstörer LÜTJENS aus, um an der Kontrolle des gegen Ex-Jugoslawien verhängten Embargos teilzunehmen. Für viele Besatzungsmitglieder war dies das erste Mal, daß sie zu Weihnachten nicht zu Hause bei ihren Angehörigen und Freunden waren.

1994 wurde der Zerstörer LÜTJENS 25 Jahre alt. Die Besatzung feierte dieses Ereignis am 01. Juli mit einer rauschenden Ballnacht im Kieler Schloß, während das Schiff sich für sieben Monate zur Instandsetzung in die Werft begab.

Nachdem sämtliche Arbeiten abgeschlossen waren und die Werft die LÜTJENS geräumt hatte, begann ein neuer Arbeitszyklus für das Schiff. 1995 gingen Schiff und Besatzung zunächst nach Neustadt zur Schiffsicherungsausbildung und anschließend zum Basic Operational Sea Training nach Plymouth. Da zur selben Zeit am Schwesterschiff ROMMEL Mängel an den Kesseln festgestellt wurden, beendete die LÜTJENS den BOST vorzeitig und wurde aus Sicherheitsgründen zurück nach Kiel geschleppt. Nachdem in der Werft die Kessel überprüft worden waren, bereitete sich die Besatzung mit kleineren Manövern auf eine weitere Teilnahme an der STANAVFORLANT im Jahr 1996 vor.

Nach einer dreimonatigen Ausbildungsreise in die Schießgebiete um Roosevelt Roads / Puerto Rico, verlegte die LÜTJENS im Sommer 1997 zur "Hauswerft" HDW. Die Howaldswerke Deutsche Werft AG hatte das Schiff mit Fachkenntnis und Ideenreichtum bereits seit der ersten Reparatur im Jahr 1970 begleitet. Die letzte planmäßige Instandsetzung endete im Spätsommer 1998 mit einer Werftprobefahrt. Nach Abschluß aller Arbeiten durchlief der Zerstörer im Jahr 1999 eine Routine Ausbildung: Schiffsicherungsausbildung in Neustadt / Holstein und operative Ausbildung und Bewertung der Fähigkeiten beim BOST in Plymouth / England.  In den  Monaten April bis September 1999 nahm die Besatzung mit ihrem Schiff erneut an der STANAVFORLANT teil, bevor nach der Rückkehr nach Kiel der 30. Geburtstag in der Kieler Ostseehalle mit Angehörigen, ehemaligen Besatzungsmitgliedern, Freunden und Gönnern gefeiert wurde.

Das Jahr 2000 bescherte dem Zerstörer Lütjens und seiner Besatzung 2 Highlights: Von Februar bis  Juni nahm unsere "Lydia" am DESEX 01/00 teil. Diesmal ging es nicht in die Karibik, sondern in Richtung Südafrika. Aber auch auf der Range vor Kapstadt absolvierte unsere alte Lady alle angesetzten Schießaufgaben mit dem gewohnten Erfolg.

Im Herbst folgte die Teilnahme am JTFEX (Joint Task Force Exercise) vor der Ostküste der USA.

Die Bedarfsinstandsetzung in der Jade-Werft in Wilhelmshaven und die obligatorisch folgenden Ausbildungseinheiten bzw. Manöver am BOST und JMC, waren Hauptbestandteile des Jahres2001. Während des BOST 2001 kam es zur mittlerweile legendären "WE STAND BY YOU" Aktion, die den Namen "Zerstörer Lütjens" international bekannt machte.

Die letzte STANAVFORLANT unter Beteiligung eines Schiffes des 1. Zerstörergeschwaders, fand für den Zerstörer LÜTJENS vom 13.03. bis zum 02.11.02 statt. Unterbrochen wurde dieser 8-monatige Einsatz nur durch eine kurze Maintainance - Period in Kiel. 

Der Zerstörer LÜTJENS wurde am 18. Dezember 2003 aus dem Dienst der Flotte entlassen und verabschiedete sich somit nach mehr als 34 Jahren in den wohlverdienten "Ruhestand".

 

Am 14. März 2006 wurde die Lydia aus dem Hafenbecken des Marinearsenals Wilhelmshaven geschleppt und nach Eckernförde verlegt, wo sie für Ansprengversuche der Wehrtechnischen Dienststelle 71 vorbereitet werden soll.

Diese Versuche fanden im Mai 2006 und im September 2006 in der Eckernförder Bucht statt.

 

Vor den Ansprengversuchen am 13.03.2006 im Marinearsenal Wilhelmshaven

Verlassen des Marinearsenals am 14.03.2006

 

Eine Fahrt ins Ungewisse...

 

Auftrag ausgeführt  

(Für Vergrößerung Bild anklicken)

Wie früher: Es geht heim nach Kiel

Vorbei an Laboe und dem Kieler Leuchtfeuer

Trotz Sprengungen und selbst 

drei Jahre nach Außerdienststellung- Ein stolzes Schiff

DAS sind noch Masten! 

Im Dock der Lindenau Werft in Kiel am 15.11.2006

Im Dock der Lindenau Werft in Kiel am 15.11.2006

 

Am 19.06.2012 wurde die alte Dame vom Schlepper "Serval" aus dem Wilhelmshavener Marinearsenal in Richtung Aliaga in der Türkei geschleppt. Auf Grund schweren Wetters bekam die Lydia noch einen letzten Auslandshafen und lief am 02.07.2012 in Vigo ein. Am 03.Juli verließ der Schleppverband wieder den Hafen von Vigo und setzte die letzte Reise der Lydia fort

 

Ein schrecklicher Anblick: Die Lydia im Marinearsenal Wilhelmshaven 2009 

Von nun an heißt es:

Zerstörer Lütjens  D 185... Gone, but not forgotten...

...denn Tradition pflegen bedeutet nicht, Asche aufzubewahren,
sondern Glut am Glühen zu halten